Brief an meine Menschen

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Liebe Menschen,

Ihr seid das Volk in dem ich geboren wurde. Nein, ich bin kein Nationalist. Mich interessieren weder Geburtsurkunden noch Personalausweise. Ich interessiere mich ausschließlich für Menschen. Ich meine die Menschen, die um mich herum leben, mit denen ich beim gleichen Bäcker meine Brötchen hole, mit denen ich die Straßen benutze, mit denen ich das gleiche Geld teile. Die Menschen, denen der gleiche Wind durch die Haare fegt, mit denen ich Gesundheit und Krankheit teile. Menschen die hier geboren sind oder anderswo.

Ihr seid es, ihr seid meine Menschen, und auch wenn ich nur einige von euch wirklich kenne, so weiß ich doch, ich will mich vor euch nicht verstecken, ich kann sowieso nicht vor euch flüchten selbst dann nicht, wenn ich ihr mir fremd seid und wenn ihr mich ängstlich macht, obwohl ich kein ängstlicher Typ bin. Und manchmal macht ihr mir Angst, nicht nur mir, sondern vielen von uns. Niemand will die aktuelle Panik haben und doch ist sie da – diese Angst vor dem Tod, dem Virus, auch wenn ihr das ganz cool als Panik-Mache abtut.

Niemand wollte das, aber es passiert gerade. Es ist der letzte große Schritt in die Isolation. Jeder ist auf sich allein gestellt. er ist potentiell Überträger oder Infizierter oder Beides, keiner weiß es so genau. Unsere wohlgeformte Welt aus Regularien und Wissenschaft entpuppt sich als weniger stabil, als wir gehofft hatten. Und wir können die Welt nicht in Segmente unterteilen, weder in Nationen noch in Kontinente, es gibt keine Fremden. Und leider, was noch viel schlimmer ist, es scheint auch keine keine Vertrauten mehr zu geben, denen wir uns anvertrauen mögen. Jeder ist potenziell ein Gegner, ich oder du, friss oder stirb. Hamster-kaufen statt Schnäppchen jagen, leere Handlungen leerer Herzen. Das Band der Liebe, das Menschen verbinden sollte, scheint erschlafft, vielleicht sogar gerissen.

Wer sind wir für einander, wenn der Andere, ohne es zu ahnen mein Tod sein könnte? Wir stehen da – im Zweifel, selbst die Abgebrühten wirken irritiert wenn jemand niest und die Mitfühlenden spüren die tiefe Wunde, die da klafft, da, wo sonst unser Herz saß. Wo ist der Mut geblieben, mit dem wir die Stärke zurückholen, dieser Herausforderung zu begegnen und für einander Lösungen zu finden? Uns gegenseitig zu helfen?Wo ist die Kühnheit geblieben Bedrohungen zu erkennen, denn die Bedrohung ist kein Virus, keine Flüchtlinge an der Grenze, kein Wirtschafts-Debakel. Was ist die wirkliche Bedrohung, die uns zu Zerstörern unserer Welt macht, zu jämmerlichen Winselern um unser kleines bisschen Wohlstand? Panik entsteht, wo Sicherheit vermutet wurde aber nicht vorhanden scheint. Wo Menschen separiert leben, entsteht diese Panik, da erscheinen einzelne Sätze wichtiger Menschen schon gefährlich, weil die Anderen ja angeblich so dumm sind und alles glauben. Warum?

Wenn uns heute die Vorbilder fehlen sollten wir uns vielleicht an die vergangenen Helden erinnern, angefangen von Jesus der Lepra lieber heilte als die Infektion zu fürchten, Mutter Theresa, die so ziemlich in jedes Dreckloch gestiegen ist, Martin Luther King, der lieber starb, als sich den Mund verbieten zu lassen, Ghandi, der ein neues Indien begründete. Ja, wir lieben es, solche Menschen zu verehren, aber wir eifern ihnen nicht mehr nach. Wir nehmen uns lieber Superman als Vorbild. Denn der hat irgendwelche außerirdischen Superkräfte, und die haben wir nicht, also brauchen wir auch nicht zu Helden werden.

Wir haben Wissen angehäuft, aber das Fühlen verlernt. Wir haben uns in YouTube verliebt, statt in den Nächsten, wir sind mehr fasziniert von künstlicher Intelligenz als von menschlichem Mitgefühl. Wir haben gelernt Arbeit zu spezialisieren, den Märkten zu folgen und Umsatzzahlen zu erreichen, statt zu schauen, in welchem Menschen welche Gaben liegen, die er mit Freude in eine Gemeinschaft liebender Menschen einbringen möchte. Wir haben es geschafft mehr zu produzieren als wir verbrauchen können und trotzdem versäumt, diesen Überfluss so zu teilen, dass alle satt werden.

Ich möchte euch weder Bürgerinnen und Bürger nennen, noch Genossinnen und Genossen, eigentlich seid ihr auch nicht meine Landsleute oder mein Volk, das alles klingt so fremd, so abgetrennt. Wenn wir uns wieder näher kommen wollen, müssen wir eine ganz andere Sicht auf diese Welt bekommen. Wir müssten das Leben wieder als Geschenk begreifen, als als Platz des Wettbewerbs und des Misstrauens. Wir brauchen eine Welt, in der wir zum Mut zurückfinden, einander zu begegnen, nicht im Chat sondern von Herz zu Herz. Wir brauchen eine Welt, die Gemeinschaften bildet, nicht durch Versicherungen und Altersvorsorge, sondern in Zuneigung und Hingabe an einander. Wir haben Tonnen an Wissen gesammelt und fühlen uns unendlich Klug, wir kennen Bücher Filme, Serien, Trends und den Mainstream, aber nicht mehr das Herz unseres Nächsten.

Wir haben unsere Gefühle auf Hochzeiten, Geburten und Fußballfelder projiziert, und an allen anderen Stellen empfinden wir unsere Emotionen als zu kraftraubend und schmerzhaft. Wir sind Helden geworden uns Systemen zu unterwerfen und uns in eine Opferrolle zu begeben. Wir füllen jedes Formular aus, aber unsere eigenen Herzen nicht mehr. Zu fühlen ist so ungewohnt geworden, dass wir Schmerzen empfinden wenn die Gefühle etwas höhere Wellen schlagen, manche Gefühle meiden wir wie den Tod, dabei würden wir wieder anfangen zu leben, wenn wir uns von den Marktplatz-Weisheiten abwenden würden, und zur fühlbaren Nähe entschieden, in der jedes Wort mit Gefühl und Tat einhergeht.

Ich weiß genau, was ich tun kann, was wir alle tun können, damit wir den Weg zurück finden werden in die Ursubstanz des Menschen in die Gemeinschaft. Der Weg ist einfach. Er fängt mit der Vermutung an, dass jeder Mensch auf dieser Erde ein Teil von mir ist, und ich ein Teil von ihm. Als nächstes wird jeder überlegen, mit wem er sich vorstellen kann, eine Heimat zu bilden, eine Heimat  für Herzen. Ich weiß, ihr glaubt, diese Gedanken passen nicht in unsere Welt, nicht in unser Business, nicht in unser Entertainment und nicht einmal in unsere Familienplanung. Und manchmal wenn ich sehe, wie viel Weg da vor uns liegen könnte, werde auch ich mutlos. Aber niemand steht damit allein, ich nicht und du auch nicht. Allein in Europa gibt es bereits viele Millionen von Menschen, die sich genau das wünschen. Viele haben schon angefangen das zu tun. Und je mehr sich das trauen, desto mehr werden sich auch die Systeme verändern in denen wir leben.

Glück ist nicht nur möglich, es ist realistisch. Ja, diese Veränderung kommt nicht einfach von selbst. Manche müssen ihre gemütliche Couch verlassen, andere den Glauben an ihre Machtlosigkeit, wieder andere ihre Sehnsucht nach Kontrolle. Jeder von uns muss sich bereit machen, Veränderung zu leben, ja, bereit sein, für diese neue Welt zu kämpfen und den Mut entwickeln, sich immer wieder selbst und zu 100% einzubringen in eine Gemeinschaft, in der jeder den Anderen trägt.

Wir haben schon immer gekämpft, aber dieses Mal ist es ein Ziel für das es sich zu kämpfen lohnt, ein Ziel, von dem Generationen vor uns geträumt haben. Lasst uns hindurchschauen durch unsere Verletzlichkeit und genau in ihre unsere Kraft finden, Anderen wirklich zu begegnen. Und lasst uns nicht zurückschrecken, wenn andere ihre Verletzlichkeit in Wut und Angst ausdrücken. Liebe ist immer bereit zu kämpfen. Liebe ist friedvoll und wehrhaft zugleich.

Lasst uns anerkennen, wer wir wirklich sind.
Lasst uns für eine Welt der der Gemeinschaften einstehen.
Lasst uns für die Welt streiten, nach der unser Herz verlangt.

Stefan Sohst

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