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Schon von klein auf quält mich eine Frage: Wer bin ich? Nun, das ist an sich nicht ungewöhnlich, denn viele Menschen fragen sich diese Frage auf die eine oder andere Weise. Mich hat diese Frage immer begleitet, und ich verdanke einer überraschenden Wendung meiner Geschichte, dass diese Frage jetzt beantwortet ist, ich bin Stefanie. Diese Tatsache schafft zweierlei, einerseits tiefen Frieden, ein Ankommen das ich vorher niemals kennengelernt habe, andererseits eine Entwicklungsdynamik, die mir zuweilen die Luft nimmt.

Ich schreibe das hier, um 2 Dinge zu tun:

  1. Um den Menschen, die mich schon lange kennen, ein bisschen zu erklären, warum sie sich an eine neue Anrede gewöhnen sollen.
  2. Menschen zu ermutigen, offen zu sein für die Wunder, die dieses Leben bereit hält.

 

Gender

… dieses Wort bereitete mir immer schon Unbehagen. Als Mensch mit psychologischer Bildung hätte mir das zu Denken geben sollen. Meine Verdrängung offensichtlicher Fakten war aber so intensiv, dass die Option, etwas anderes sein zu können als ein Mann für mich und mein Umfeld nicht in Betracht kam.

Nach 60 Jahren wacht Stefan auf und erkennt, dass er eigentlich die ganze Zeit über hätte Stefanie sein können, und irgendwie wollte sie das immer schon. Wie? Stefan ist jetzt eine Frau? Nein, das bedeutet erstmal, dass Stefanie kein Mann ist, dass die Gender-Frage doch etwas komplizierter sein kann, weil es eben mehr als nur 2 Geschlechter gibt, und dass der Körper nicht immer das ausdrückt, was im Inneren wohnt. Weiter lernen wir, dass in unserer Sprache keine Grammatik für andere Geschlechter als männlich oder weiblich existieren. Von daher müssen sich alle, die Bigender sind, für eine Anrede entscheiden.

Für mich fühlt sich die weibliche Anrede richtig an. In mir lebt ein weiblicher Anteil und ein männlicher. Für mich sind beide Anteile in der weiblichen Anrede enthalten, also bin ich jetzt Frau Stefanie Sohst, Geschlecht: Divers.

Wie ist es dazu gekommen?

Kurz nach meinem 60. Geburtstag offenbarte mir meine ehemalige Partnerin, dass sie sich trennen möchte. Sie äußerte, dass sie mit viel Respekt auf die gemeinsamen Jahre zurückblickt, aber die Beziehung aufgrund meiner vielen, heimlichen Ausflüge in meine Weiblichkeit und den daraus resultierenden Vertrauensbrüchen nicht weiterführen kann.

Was war bei mir los?

Bei mir war der Wunsch nach weiblichen Ausdruck schon von klein auf vorhanden, und ich hatte ihn immer wieder verdrängt. Bereits als Kind holte ich die BHs aus der Schublade meiner Mutter … nicht aus sexueller Erregung, sondern um das Gefühl zu haben, Frau zu sein. Und gleichzeitig wollte ich genau das auch nicht endgültig sein, denn das Frauenbild, das mir meine Mutter vermittelte, war sehr von Regulation, Vernunft und Ernst geprägt.

Meine Geschwister nannten mich Steffie, erst in der Schule erfuhr ich, dass das (zumindest damals) ein Kosename für Mädchen war, nicht für Jungs. Das war ein kleiner Schock, denn mit diesem Namen habe ich mich immer wohl gefühlt. Damit waren sowohl meine Sensibilität als auch meine Wildheit gut aufgehoben.

In der Schule gehörte ich nie so richtig zu den Jungs, ich interessierte mich einfach nicht für Fußball und Prügeln, und zu den Mädchen natürlich sowieso nicht, ich war ja offensichtlich ein Junge. Die Welt war zu jener Zeit streng binär, und es war ja deutlich zu sehen, dass ich männlichen Geschlechts war. Also habe ich getan, was viele Menschen in dieser Situation tun. Ich habe gelernt mich so zu verhalten, dass ich irgendwie dazugehöre. Ich habe über Jungs-Witze gelacht, obwohl sie mir eigentlich weh taten. Ich habe versucht mich für Fußball so zu interessieren wie z.B. mein Bruder auch, der immer Sportschau kuckte obgleich ich das total langweilig fand. Ich habe versucht Fußball so spielen zu lernen, dass ich im Sport nicht mehr als letzter gewählt wurde (ging nicht glänzend aber ging) … und ich wollte unbedingt lange Haare tragen (das war damals noch ziemlich eindeutig weiblich) und interessierte mich mehr für Gänseblümchen als für LKWs.

Ich habe viele Freundinnen gehabt. Sie mochten meine Sensibilität, das weiche an meinem Wesen, und gleichzeitig vermissten an mir die männliche Initiative innerhalb der Beziehung. Ich mochte mir durchaus Liebesfilme mit ihnen anschauen, aber es stand immer eine Erwartung im Raum, die ich irgendwie nicht erfüllen konnte. Diese Art, Mädchen zu umschwärmen war niemals mein Ding. Ich war bereit alles zu geben, alles zu lernen und alles zu sein, aber meine Männlichkeit hatte in dieser klassischen Form keine Wurzel gefunden, sie war lediglich Lernfeld und Biologie.

Ich hatte immer das Bedürfnis, mich feiner auszudrücken, Leichtigkeit in mir entstehen zu lassen, frei und schwingend zu tanzen. Als Junge war das nicht drin. Unbewusst habe ich mich entschieden, meine Hüfte steif zu machen. In der Tanzschule habe ich dafür Kritik geerntet. Wenn ich meine Hüfte dann weich machte hieß es: „Du tanzt wie ein Mädchen – lass‘ das“. Ja was denn nun? Was wollt ihr eigentlich von mir? Warum darf ich nicht einfach das sein, was ich bin?

Als meine Expartnerin mir nun sagte, dass sie die Beziehung nicht weiterführen könne, stürzte das ganze Kartenhaus von gelernten Rollen und der Hoffnung am Ende doch eine gesunde Familie „hingekriegt zu haben“ in sich zusammen. 60 Jahre Kartenhaus. Wow, das sind viele Karten. Ich sah vor meinen Augen wie alles, was ich bist dahin aufgebaut hatte, durch Niederlagen und Fehlversuche hindurch, sich plötzlich wieder in Luft auflöste.

Zunächst habe ich versucht, das einfach nicht zu akzeptieren. Ich wollte nicht, dass mir jemand das raubt. Ich habe sie scharf gerügt, den Bund gebrochen zu haben, dafür genau wäre doch eine Ehe, dass das nicht passiert. Ich hatte so gehofft einen Hafen gefunden zu haben.

Und dabei wusste ich eigentlich schon, dass sie die einzige richtige Entscheidung getroffen hatte, die ich deshalb gar nicht treffen konnte, weil sie in meinen System als Möglichkeit einfach gar nicht vorkam.

Aus meinen psychologischen Kenntnissen heraus wusste ich natürlich, dass diese Ablehnungsphase die ganz normale Phase, die jeder in einer solchen Veränderung als erstes durchläuft. Trotzdem hielt ich zunächst daran fest.

Ich rief einen Freund an, von dem ich wusste, dass er mir in diesem Punkt zur Klarheit helfen konnte. Der sagte mir, was ich nicht hören wollte: Lerne, das als Geschenk zu sehen! Ja, klar, meine Leben bricht gerade zusammen, aber das ist ein Geschenk! Er hatte natürlich Recht, aber ich hätte so gerne gehört, dass er gesagt hätte „kämpfe um sie“ oder „du brauchst nicht aufgeben, das wird wieder“ oder „Du hast recht, sowas darf eine Frau eigentlich nicht tun“ … Nein, all das sagte er nicht. Danke lieber Freund.

In den folgenden Tagen verließen mich meine Kräfte. Die Trauer schüttelte mich. Ich versuchte so etwas wie normales Leben aufrecht zu erhalten. Ab und an nahm mich meine ehemalige Partnerin noch in den Arm. Ich wusste nicht, wie lebenswichtig Berührungen wirklich sind. Ich hatte beruflich einiges zu tun, das war nicht so schwierig und hat mich über Wasser gehalten. Immer wieder musste ich mich hinsetzen. Mein ganzes System zitterte und schüttelte mich. Tränen, Erschöpfung, Scham … ja, da war sie wieder, die Scham. Ich hatte es wieder versaut. Zum 2. Mal hatte ich es nicht geschafft, einer Familie die Stabilität zu geben, die ich ihr geben wollte. Zum x-ten Mal war es mir nicht gelungen, einer Frau ein Mann zu sein.

Und dann war es wieder meine ehemalige Partnerin, die mir bei einem längeren Spaziergang sagte: „Aber vielleicht gibt es doch etwas in deinem weiblichen Anteil, das Ehre verdient …“. Diese Worte ließen mich nicht los. Dafür bin ich ihr dankbar. Und hier begann meine Reise.

Was würde passieren, wenn ich das erste Mal in meinem Leben zulassen würde, dass in mir etwas anderes sein will als das, was im Moment äußerlich zu sehen ist? Bin ich ein Diverser, und wenn ja, woran erkenne ich das? Wie bekomme ich Sicherheit in diesem Prozess. Ich habe hastig Websites angeschaut, nach schnellen Lösungen gesucht, Begriffe versucht zu verstehen. Was bitte ist Queer, Transgender, Bigender, Shemale … es gibt hunderte Begriffe.

Ich war verwirrt und etwas hilflos, nach wie vor sehr erschöpft und ich habe Menschen gesucht und versucht, bei ihnen anzukommen, einfach ich zu sein. Ich bin so dankbar für all‘ die lieben Freunde, die mich einfach so genommen haben wie ich bin, die mir mit ihrer Geduld einfach ihr Ohr gegeben haben, mir reflektiert, was ich will, was ich fühle.

Fühl‘ ich mich als Frau? Bilde ich mir das alles nur ein? Hallo – ich bin Wissenschaftler? Wo in meiner Matrix steht drin, dass da ein Wesen in mir ist, das nach weiblichem Ausdruck sucht? Ist das in meiner Physis angelegt? Und wenn ja, ist das wirklich nur eine Frage der Gene? Ist das vielleicht eine Frage meiner zufälligen sozio-kulturellen Entwicklung? Ist das pränatal in meinem Geist programmiert, unabhängig davon, wie sich der Körper entwickelt? Ich will das alles so gerne wissen, suche nach Sicherheit und gleichzeitig ist es eigentlich auch schon wieder egal. Und dann sind da die letzten 60 Jahre, die mir sagen: Stefan, stell dich dem was in dir ist.

Und dann kam der Moment in dem ich das erste mal zu mir sagte: Ich öffne jetzt meine Augen für das was ist. Du bist kein Mann, aber es ist etwas Männliches in dir. Du bist keine Frau, aber es ist etwas Weibliches in dir. Ganz offensichtlich ist beides in dir und will sich ausdrücken.

Es war wie ein Schauer, der meinen ganzen Körper durchfuhr. Da ich den Mann in mir gut kannte, beschloss ich, die Frau in mir anzuschauen, das Weib, vor dem ich mich immer gefürchtet hatte. Ich hatte plötzlich Angst, dass es mir damit gehen könnte wie so vielen anderen Frauen, die sich in ihrer Weiblichkeit abgelehnt fühlten. Als der erste Mann die Frau in mir ansprach war das ein Gefühl, das ich bis dahin gar nicht kannte. Eine Art von Unterlegenheit, ein ausgeliefert sein, eine harmonische Willigkeit in meinem Wesen die in mir aufstieg, und die ich am liebsten nicht zulassen wollte. Mein Körper sandte mir so viele unbekannte Signale. Ich war verwirrt und glücklich gleichzeitig. Irgendwie fühlte sich das befreiend und erlösend an, und gleichzeitig war wie eine Art Pubertät. Mein System ist überlastet, ich brauche Pause!

Außerdem sind so viele Fragen zu klären … Wo gehe ich in Zukunft auf die Toilette? Im Schwimmbad? Herren oder Damendusche? Was wird Stefanie in Zukunft tun? Wie reagieren meine Kunden? Ich brauche neue Visitenkarten. Muss ich jetzt jedem erklären, dass ich einen Bart Trage und Wimpertusche? Werden mich alle für schwul halten? Bin ich schwul? Nein, das bin ich definitiv nicht! Oder vielleicht doch. Warum ist dieses blöde Thema so kompliziert und so wichtig?

Freunde … einer sagte mir auf einem Waldspaziergang: Wo ist dein Problem? Sei doch einfach was du bist! Ja, vielleicht ist das wirklich so einfach! Du lernst jetzt einfach beides zu leben. Du lernst jetzt das zu sein was du bist. Endlich. Ohne viel Tamtam, ohne große Bugwelle. Jetzt ist Stefanie an der Reihe, und sie darf sich entspannen, mit allen Anteilen, die in ihr sind. Sie muss niemandem etwas beweisen, sie ist einfach nur. Wie großartig. Frauen als Schwestern zu sehen, ihnen zu begegnen, ganz natürlich, ohne Missverständnisse befürchten zu müssen … Männer herzlich in den Arm zu nehmen, als Brüder.

Ich war vor meiner Entscheidung.

Das erste Outing

Ich war zum 2. Mal im Kreis einiger Menschen, die sich treffen, um sich mitzuteilen, was in ihrem Herzen ist. Wir sitzen also über Stunden zusammen und hören uns zu. Mit zum Ritual gehört, dass du selbst entscheidest, wie du genannt werden möchtest. Einige waren da, die sich bewusst anders vorgestellten, als sie sonst gerufen werden. Und da habe ich mir überlegt, dass ich diese Menschen einfach bitte, mich Steffie zu nennen, so wie meine Geschwister mich damals riefen, in der Zeit, als ich mich irgendwie noch ganz fühlte.

Und dann habe ich mich an diesem Abend geoutet. Ein unbeschreiblicher Vorgang, der mich an die Aussage Jesu erinnert: „Wer glaubt und bekennt …“. Mit Tränen in den Augen, mit der Erkenntnis, dass ich nicht weiter weglaufen kann. Mit der Erkenntnis, ich könnte mich weiter schämen, aber ich will nicht mehr. Ich will weder weiter mich verletzten noch andere in dem ich vorgebe etwas zu sein, was ich nicht bin. Ich habe versucht, meine Geschichte in einfache Sätze zu fassen. Und ich habe gesagt: „Ich beende heute 60 Jahre Scham. Ich bin ein Wesen, von Gott geschaffen, in mir werden das Männliche und das Weibliche Frieden und Kraft finden.“

Als ich fertig war, kam mir eine riesige Welle der Liebe entgegen. Und es war, als fiele ein dicker Panzer von meiner Seele. Ich war angekommen. Steffie war endlich zuhause – angekommen in dieser Welt, ohne Vorbedingungen. Einige Augenblicke später war eine Frau an der Reihe und sagte, sie wolle ein Lied spielen, für Steffie. Und so haben wir lange gesungen … Om – Shalom – Amen… Im Beginn gab es noch mal einen dicken Tränenschwall … und dann war er plötzlich da – der Frieden, nach dem ich so lange gesucht hatte.

Die Familie

Ein neuer Weg hat jetzt für mich und meine Familie begonnen. Er fordert von uns Kraft. Aber wir wissen, wir können jetzt Stück für Stück miteinander lernen, unsere Lebenswege zu entflechten. Meine ehemalige Partnerin  kann den Weg zurück zu sich selbst antreten, und ich bin auf einer Reise die permanent etwas von Alice im Wunderland hat, das ist nicht immer witzig aber unter dem Strich das Beste was mir passieren konnte.

Viele Dinge haben sich bei mir verändert. Meine Sinne arbeiten viel vollständiger. Ich merke, wenn ich Durst habe. Ich sehe Dinge, die mir vorher entgingen. Ich kann mich in Menschen nicht nur emotional, sondern auch sozial einfühlen, das ist ein gigantisches Geschenk. Meine Kinder haben jetzt einen zweifachen Familienkontext, der sich immer weiter einspielt und jedem neue Chancen anbietet.

Ich bin jetzt schon wieder viel mehr bei mir selbst und unendlich dankbar für all’ die Freunde und Bekannten, die mich ganz so respektieren, wie ich mich jetzt gebe.

Und jetzt?

So genau weiß ich das noch nicht. Ich bin und bleibe mit Herz und Seele Trainerin für Emotionen, Materialisation und Menschheitsgeschichte. Meine Kenntnisse in Prozessmanagement in der Programmierung sind ebenfalls unverändert, die Arbeit macht mir Spaß. Dennoch habe ich keine Ahnung, wohin mich dieser neue Weg führt. Eins ist aber sicher – Mein neues Format „Huberto Magico“ könnte gar nicht besser passen. Ich denke nur, dass die Rolle vielleicht doch ein Tick weicher wird. Aber Wissen, Emotionalität und Humor zu verbinden, das wollte ich immer schon, nur, dass Steffie das etwas anders machen wird als Stefan.

Diesen Teil meiner Geschichte wollte ich erzählen. Wenn du irritiert bist, mach dir keine Gedanken, ich bin es auch häufig noch. Aber es wird einfacher, mit jedem Tag. Wenn du sagst „Wieso, ist doch alles gar nicht so schlimm“ – auch super. Denn letztlich ist auch meine Gender-Definition nur ein kleiner Teil meines Lebens, wenn auch einer mit großen Auswirkungen. Und ich bin froh an einem Ort zu leben, wo ich diese Entscheidung frei treffen darf.

Also Steffie, nimm dein Leben neu in die Hand. Du bist das Wesen, in dem das Männliche und das das Weibliche in Frieden und Kraft zueinander finden.

Fazit

Eigentlich alles gar nicht so schlimm, aber in meinem Fall viel aufzuräumen. Das wichtigste Learning aus der Situation für mich: Ich nehme mir die Freiheit mit meinen Mitmenschen über all das zu sprechen was mich bewegt, um dann zu mir selbst  zurückzukehren, und den Weg meines Lebens zuzulassen. Ich wünsche diese Freiheit allen Menschen und ich wünsche allen Menschen solche Freunde an ihrer Seite, wie ich sie hatte. Lasst der Scham niemals zu euch zu begrenzen!

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