Brief an meine Menschen Teil 2

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Liebe Menschen,

ja, ich meine euch, von denen ich gerade 2m Abstand halte, mit denen ich Zoom-Meetings mache statt euch zu umarmen und die im Moment etwas von der Rolle sind, weil alles so furchtbar anders ist. Ich weiß, ihr seid stark, wollt es für euch selbst und andere sein, und es beschleicht euch die Sorge, wie es wohl weitergehen mag.

Ich selbst habe in den vergangenen Jahren viel Auf und Ab erlebt, als Familienvater, als Ehemann, als Mensch. Eines habe ich mir angewöhnt: Veränderung als normal zu betrachten, und das trotz meiner Asperger-Symptomatik. Veränderung ist tatsächlich normal, nur in unserer Welt nicht so. Wir verlassen uns darauf, dass der Bus pünktlich kommt, und fordern von uns pünktlich in Schule zu kommen oder auf der Arbeit zu erscheinen. Wir wünschen uns von einander Kontinuität und sehnen uns nach Individualität, und das steht häufig im Widerspruch. Wir können uns zu Hause manchmal nicht einmal auf den richtigen Aufenthaltsort der Zahnpasta einigen aber erwarten, dass Politiker jetzt in dieser Sekunde Entscheidungen treffen, die für alle passen. Und glücklicherweise wird uns sofort klar das das nicht geht sobald es jemand sagt, immerhin.

Wo also steckt unser aktuelles Problem? Natürlich ist die Frage nicht beantwortet, wie gefährlich der Virus wirklich ist, das werden wir vielleicht am Ende dieses Sommers wissen. Wir wissen auch nicht, ob die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitungsgeschwindigkeit wirklich angemessen sind. Das werden wir nie erfahren, weil wir den Versuch nicht unternehmen können, das Experiment hier bei uns, unter gleichen Bedingungen ohne diese Maßnahmen durchzuführen. Wir wissen auch nicht, wie viele Unternehmen dieser Pandemie zum Opfer fallen werden, wie viele Menschen dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren, und wie viele am Ende ihr Leben. Es gibt aber ein paar Dinge, an die wir uns gerade jetzt erinnern könnten.

  1. Wir leben in einer Welt, die aus vielen Zyklen besteht. Neben den Jahreszeiten sind wir von endlos vielen Zyklen umgeben, Die Wach-/Müde-Phasen des Tages, das Sterben und geboren werden, satt sein und Hunger haben, Sicher sein und irritiert, all das sind Pole, aber ganz sicherlich Pole von den Zyklen unseres Lebens. Wir werden krank und auch wieder gesund, wir sind erfolgreich und scheitern. All das passiert fortlaufend. Wenn du anerkennen kannst, Teil dieser Zyklen zu sein, bist du auch Teil einer Kontinuität. Sie verläuft nicht gradlinig, sie ist dennoch konstant.
  2. Angst ist menschlich. Auch unsere Emotionen arbeiten zyklisch und reagieren damit auf die äußeren und inneren Zyklen denen wir ausgesetzt sind. Wir haben die Freiheit, bestimmte Emotionen lieber zu mögen als andere, aber wozu nützt das? Unsere Emotionen, auch unsere Angst arbeitet zu einem ganz bestimmten Zweck. Angst verbindet Aufmerksamkeit mit Widerstand. Beides sind soziale Aktionen. Die Aufmerksamkeit hilft uns, unser Handeln den wechselnden Umständen anzupassen. Und da wir so intensiv von regeln umgeben sind, fehlt es uns an Übung, uns auf einander einzustellen. Wenn sich Regeln jeden Tag ändern ist ein Zustand erreicht, der einer Regel-Aufhebung gleicht. Das erfordert in hohem Maße Aufmerksamkeit. Diese Emotion kostet unglaublich viel Energie. Normalerweise können wir unsere volle Aufmerksamkeit gerade 10 Sekunden aufrecht erhalten. Danach senken wir sie und versuchen zu “versachlichen”. Wenn dieser Prozess nicht gelingt wiederholen wir ihn unbewusst. Nach kurzer zeit wollen wir dann eine Pause haben. Deshalb gehen wir in den Widerstand und formulieren ein emotionales “lasst mich alle in Ruhe”, manche verbalisieren das auch. Das ist normal und nicht kritisch. Kritisch wird es erst, wenn wir unser Handeln davon dominieren lassen.
  3. Wir sind noch hier. Kannst du dich noch an die Sorgen erinnern die du vor 2 Wochen hattest? Das waren definitiv andere und sie waren genauso wichtig und zu lösen wie die, die du jetzt hast. Wenn du, wie jetzt auch, vor einer Reihe von Problemen stehst, die du allein nicht lösen kannst, dann reduziere den Druck auf dich selbst, auf deine eigene Performance, schau um dich herum und finde Menschen. Wir sind alle noch da. Wir haben Telefone, Zoom, das Internet und wenn du zu denen gehörst, die mit ihrer Familie, Freunden etc. eine Wohnung teilen, dann könnt ihr euch sogar gegenseitig berühren. Menschen brauchen Berührung um gesund zu bleiben. Stimmt, mag gegenwärtig paradox wirken, ist dennoch so. Wenn ihr zusammen wohnt, atmet ihr sowieso die gleiche Luft. Hygiene kann man auch dann halten, wenn man sich berührt, dafür mag es Ausnahmen geben, die sind aber eher selten. Also, nutze die Gemeinschaft, du bist ein Mensch, du brauchst das.
  4. Streitet miteinander. Wer aufhört seinem Innenleben Ausdruck zu verleihen, bekommt seelische Verstopfung und die schädigt nicht nur das Immunsystem. Situationen wie diese sind vorzüglich geeignet an die Oberfläche zu spülen, was unter dem Treibsand vergraben war. Fragt beim Zuhören nicht nach Gerechtigkeit, lasst es einfach geschehen, lasst die Tränen laufen. Gebt dem Kummer Raum und er wird euch Räume eröffnen.
  5. Liebt euch. Das Leben geht weiter hier und jetzt. Freude ist die Energie, die euch immer wieder in die Liebe zu einander treibt. Die Kraft der Freude repariert kranke Zellen, sie lässt das Blut bis in den letzten Winkel eures Körpers fließen. Wer aufgehört hat sich zu freuen, hat aufgehört zu leben. Und die Liebe überwindet am Ende jede Krankheit, jeden Streit, jeden Mangel. Glaub’ an dich und glaube an deine Liebe. Es ist die einzige Währung bei der du in jedem Fall mehr zurück bekommst, als du investierst. Nur in der Liebe sind all’ deine inneren Kräfte vereint. In der Liebe findest du deine Lebensaufgabe, die Aufmerksamkeit und die Anerkennung, nach der du dich sehnst. Dafür musst du dich erst selbst lieb haben. Sichtbar wird deine Liebe, sobald du sie anderen schenkst.

Ich bin dankbar für alle Menschen, die sich gerade hingeben, um unsere Versorgung mit Lebensmitteln, Energie und Notfallversorgung sicher zu stellen. Ich bin dankbar für dich, liebe Schwester, lieber Bruder, lieber Nächster, lieber Freund, dafür dass du da bist. Ohne dich wäre meine Welt ärmer.

Ich freue mich auf unsere nächste Begegnung.

Dein Stefan Sohst

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